Wenn ich an meinem Roman schreibe

Wenn ich an meinem Roman schreibe, habe ich nicht bloß die ständigen Fluchtinstinkte zu unterdrücken (die Widerstände), nein: Ich ertappe mich dabei, daß ich – wie ein Kind, das erst die Aufgaben machen muß, bevor es hinaus darf – dauernd an irgendwelche Vergnügungen denke, die ich mir nachher oder danach werde leisten dürfen. Als hätte ich ein Pensum zu absolvieren, als würde ich mir mit dem Schreibpensum ein bißchen Lebensabenteuer (Lebenserwartung) verdienen. Eigentlich komisch, denn wenn ich an einem Essay sitze, geht es mir anders. Ich fühle mich dann viel weniger in Klausur oder im Gegensatz zum Leben, weniger ausgesperrt. Ich kann kontinuierlicher und eigentlich auch genußvoller vor mich hin arbeiten. Warum dies ? Ich deute mir’s so.

Das dichterische Schreiben ist viel mehr Leben abgeben im Sinne von Wärme abgeben. Ist viel stärker mit vitalen Verlusten verbunden, deshalb dieses Bedürfnis nach Leben im Sinne von etwas zu mir nehmen, aufnehmen, konsumieren. Das Dichten ist Leben abgeben, und deshalb sträubt sich alles dagegen.

Oder auch: Das Dichten ist etwas »Sündiges«, ist ein Sichvergreifen am Leben, ist verbunden mit der Möglichkeit des Fehls, des Lebensverfehlens (zumindest) des endgültigen Sichtäu-schens und des Schlags ins Leere. Ist Konfrontation mit der letztlichen Ungreifbarkeit, Unerreichbarkeit, Unhaltbarkeit des Lebens, deshalb stellt sich schon im Akt des Schreibens dieser Appetit auf Leben ein.

Paul Nizon, Die Erstausgaben der Gefühle Journal 1961 1972, Frankfurt 2002 S. 136