Alle Dinge haben ihren Sinn
und sind für gewisse Zwecke brauchbar.
Wenn Du etwas Unpassendes benutzt,
wird’s ganz unzureichend, ja, völlig unbrauchbar sein.
Ein runder Meißel mit eckigem Griff -
wie schade, vergeblich ward er gemacht.
Ein Vollbluthengst kann sich beim Mäusefangen
nicht mit einer lahmen Katze messen.
(Hanshan - Gedichte vom kalten Berge)
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Neujahrsgrüße, über die ich mich sehr gefreut habe:

Vom DAO hören soll Leid und Trübsal dir verjagen
das ist ein Wort, das leider leeres Stroh nur drischt:
Erst gestern morgen ledig allen Kummers Plagen,
hat es mich heute, ach, schon wieder voll erwischt.
Am Monatsende war davon nichts zu entdecken
doch bringt mir Sorgen, Sorgen nur das neue Jahr.
Wen wundert’s - sieht man unter diesem Hut doch stecken
denselben Miesepeter, der da immer war!
(Hanshan - Gedichte vom kalten Berge)
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Ich konnte mir die Figuren für das Buch nicht aussuchen, sie waren da. Sie spiegeln einzeln das Hauptthema des Buches wider, weil jede Figur ihre eigene Lüge mitbringt oder verarbeitet. Mich hat am meisten interessiert, wie die Charaktere sich entwickeln, wie sie mit ihren kleinen Geheimnissen umgehen. Da stecken Teile von mir in jeder Figur. Das Schöne am Schreiben ist, sich selbst in verschiedene Figuren aufzuspalten.
Larissa Boehning (Mara-Cassens-Preis für das beste Debüt) im Interview in DIE ZEIT 3/2008
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Ein praktisches Möbelstück für Vielschreiber und Vielleser liess sich Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) anfertigen. Man kann sich das Sitzgerät für sich selbst nach seinen eigenen Körpermaßen nachbauen lassen. (Vielleicht gibt es auch eine Laptop-Variante)
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Im Gespräch mit Iris Radisch in der Zeit v. 20.12.07 kommt der Soziologe Hartmut Rosa zu dem Schluss:
Der kluge Hedonist kommt gar nicht umhin, an vielen Stellen in seinem Leben Konsumverzicht zu leben. Wir sind am Rande der Erschöpfung und am Rande des Sinnvollen.
Unser Problem ist nicht, dass wir in der Moderne keine Antworten mehr haben. Das Problem ist, dass wir uns die Fragen gar nicht mehr stellen. Bisher können wir uns noch immer eher das Ende der Welt vorstellen als eine Alternative zum kapitalistischen System. Aber wir müssen die Alternative nicht kennen: Wir müssen das Ding erst mal anhalten.
Ich sehe nirgends eine Gegenutopie. Es gibt viele Zwangsentschleunigte. Aber ich sehe nicht den kulturellen Gegentrend, der daraus eine tragfähige neue Gesellschaftsform macht. Meine Idee ist nicht der individuelle Ausstieg, sondern ein politisches Programm, das auf Entschleunigung zielt. Die Möglichkeit, ein erfülltes Leben führen zu können, hängt von sozialen Kontexten ab. Wenn die falsch sind, dann gibt es keine billige Lösung. Es geht nicht darum, weniger vom Falschen zu machen. Sondern endlich das Richtige.
Das ganze Gespräch gibt es hier: Wir wissen nicht mehr, was wir alles haben (Aber nur solange es frei zugänglich ist.)
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“Ich schreibe nie über etwas anderes als eigene Erfahrungen. Alle meine Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten, die ich recht gut kenne. Ich bin der Ansicht, dass im weitesten Sinne alles, was ein Schriftsteller schreibt, autobiographisch ist.”
Marlen Haushofer
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“Schriftsteller sind potentielle Selbstmörder, die sich ins Wort retten, um überleben zu können. Wirklich, ich wüßte nicht, wie ich gewisse Situationen im Leben überstanden hätte, wäre es mir nicht gelungen, sie Satz um Satz in Form zu bringen.”
Luise Rinser: Den Wolf umarmen. Fischer Taschenbuch Vlg. Dezember 1984 - kartoniert - 411 Seiten. ISBN: 3596258669
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In Platons Phaidros wird die Schrift im Rahmen eines ägyptischen Mythos als göttliches Geschenk gegen die Vergesslichkeit gepriesen. Sokrates bestreitet aber, dass die Menschheit dadurch klüger wurde. Wer sich durch Schreiben externen Speicher schaffe, stärke sein Gedächtnis nicht sondern ersetze es und werde dadurch erst recht vergesslich. Wenn überhaupt würde ein Text als Erinnerungshilfe auch nur demjenigen etwas nützen, der ihn geschrieben hat und weiss, was darin steht.
[59. Scheinbarer Nutzen des Schreibens: der Theuth-Mythos]
*Bild: The Death of Socrates by Jacques-Louis David, 1787 (wikimedia)
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Eine Erkältung mit hohem Fieber drückte Ignaz Borowski schwitzend in die Kissen. In leichtem Delirium schmorte er unter der Decke im eigenen Saft. Hustenanfälle hielten ihn fest im Griff, auch die Depression erkannte ihre Chance und ließ den Krebs in Herrn Borowski von der Leine. In manchen Darstellungen des Horoskops gleicht der Krebs eher einer Nordsee-Krabbe, die seitwärts durch das Watt huscht. Den Krebs in ihm, davon war Borowski überzeugt, könne man gar nicht darstellen; als typischer Einsiedler verkroch er sich in den hintersten Winkel seines Schneckenhauses und verschloss den Eingang. Er war für Freund und Feind unsichtbar und verweigerte sich jeder Beschreibung.
Der Novembernebel drückte zusätzlich auf das Gemüt. Aus dem Kamin des Nachbarhauses stieg feiner, weißer Rauch auf: »habemus sputum« hustete Borowski. Der Rauch roch nach Buchenholz und galt den Schinken in der Räucherkammer der Metzgerei. Die Legende besagt, Mama Cass Elliot sei am 29. Juli 1974 in ihrem Londoner Hotel an einem Schinkensandwich erstickt. In Wahrheit versagte ihr Herz, weil sie ihren Körper mit Radikaldiäten traktierte. Borowski befürchtete, den fertigen Schinken gar nicht mehr zu erleben, so stach der Rauch in seinen Bronchien. Mit fahlem Gesicht, als habe feine Asche seinen Teint gepudert, sah er aus tief geränderten Augen zu, wie Schinken für Schinken auf der Schulter des Metzgers in die Räucherkammer wanderte und seine Qualen vergrößerte. Millimeter für Millimeter stieg der Pegel im blauem Speiglas. »Bah-da, bah da-da-da. Monday, Monday, so good to me. Monday mornin‘ couldn’t guarantee that Monday evenin‘ you would still be here with me.« Mit zusammengepressten Lippen summte er vor sich hin. Das Speiglas in der linken und in der rechten Hand ein Döschen Tigerbalsam zum Inhalieren, damit er beides bei Bedarf sofort bereit hatte, wanderte er durch die Wohnung. Wenn das Telefon klingelte, war ihm das schon seit Tagen völlig egal. Er wusste, nach dem fünften Klingelton begann seine Stimme auf dem Anrufbeantworter mit der Animation, doch bitte eine Nachricht auf Band zu hinterlassen. Sprechen fiel ihm schwer. Die Stimmbänder flatterten vom sonoren Bass zum piepsigen Falsett, das Reibeisen im Hals kratzte nach wenigen Sätzen den Ton ganz weg, als habe die Nadel auf der Schellack-Platte das Harz schon fast durchstoßen und den Filz des Plattentellers erreicht.
Sei mir gegrüßt, Melancholie,
Die mit dem leisen Feenschritt
Im Garten meiner Phantasie
Zu rechter Zeit ans Herz mir tritt!
Die mir den Mut wie eine junge Weide
Tief an den Rand des Lebens biegt,
Doch dann in meinem bittern Leide
Voll Treue mir zur Seite liegt!
Gottfried Keller schrieb diese Zeilen 1848 in Heidelberg. Borowski, hundert und zwei Jahre später dort geboren, vermutete manchmal es läge vielleicht an der Aura des Ortes. Schwarze Galle verbunden mit Kälte und Schleim wird im Mannesalter scharf und trotzig dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. Weibliche Züge waren es, die Frauen an Borowski schätzten. Und deretwegen sie ihn auch wieder verließen, wenn sie ihrer überdrüssig geworden waren. Frauen als Freunde gaben ihm Halt. Männer als Freunde taugten nur, wenn sie seine Vorlieben und Obsessionen in der Literatur und der Kunst teilten und Mannsein keine Rolle spielte. Eros und Liebe, psychologisch-geistige und emotional-seelische Anziehung verspürte Borowski zu Frauen und Männern. Das Gefühl einen Mann zu begehren war ihm fremd. Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe kannte er wohl. Heute gab ihm die Katze die nötige Nestwärme. Zurück im Bett zog er die Decke über sie beide, drehte sich um und schlief ein. Die Schinken folgten ihm in die Träume.
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Um mehr über meinen Großvater Igor Katz zu erfahren, der Lenin vom 22.6.-12.7.1921 als Delegierter auf dem 3. Weltkongress der Komintern in Moskau getroffen hatte, habe ich beschlossen die Leninbiographie von Robert Payne zu lesen; erschienen unter dem Titel »The Life and Death of Lenin« bei Simon & Schuster 1964 in New York.
Payne, in Cornwall geboren, war ein interessanter und neugieriger Bursche, der zu Beginn seiner beruflichen Karriere nichts mit Geschichte und Schreiben zu tun hatte. Wie sein Vater absolvierte er zunächst eine Lehre als Schiffbauer und studierte später in Capetown, Liverpool, München und an der Sorbonne. Während einer Tour durch Europa in den Jahren 1936/37 traf er in München durch Rudolf Hess auch Adolf Hitler, den er später biographierte »The Life and Death of Adolf Hitler«. In China begegnete er Chiang Kai-shek und in den Höhlen von Yenan Mao Tse Tung das führte zu dem Buch »Mao Tse-tung, ruler of red China«. Payne schrieb Biographien anscheinend über alle und jeden z.B. auch Stalin, Greta Garbo, Charlie Chaplin, Iwan den Schrecklichen usw. Seit den frühen 50ger Jahren lebte er als Professor für Englisch in den USA und wurde amerikanischer Staatsbürger. Payne heiratete 1942 Rose Hsiung, die Tochter von Hsiung Hse-ling, einem ehemaligen chinesischen Premierminister. Nach zehn Jahren folgte die Scheidung. 1981 heiratete er die Inderin Sheila Lalwani.
Payne schrieb nicht nur Biographien sondern auch Novellen, Continue Reading »
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