Letzte Nacht träumte mir in den frühen Morgenstunden von einem Barbesuch zu der gleichen Zeit. Wir saßen zu dritt am Tresen des Etablissements; M., P. und ich. Außer uns und dem Barkeeper war niemand mehr im Lokal. M. verließ den Raum durch die Tür neben der Garderobe links von der Theke. Der Barkeeper folgte ihm und kehrte nach wenigen Augenblicken als erster zurück. Nach einigen Minuten erschien auch M. wieder. Wortlos stand er an der Theke und spielte mit dem Tischfeuerzeug. Es hatte die Gestalt einer Kanone wie sie auf Segelschiffen in Piratenfilmen zu finden waren und eine beachtliche Größe; die Haltegriffe an der Kanone waren aus Gold. Der rechte Griff ließ sich herausziehen und entpuppte sich als Dolch mit äußerst scharfen Klingen. M. nahm ihn in die Hand und prüfte die Klingenspitze; aus den Kuppen von Daumen und Zeigefinger entwichen zwei winzige Blutstropfen. M. verlangte die Rechnung. Als der Barkeeper sich mit dem Rechnungsblock zu M. über die Theke beugte, fasste dieser ihn wie zu einer Umarmung um den Hals, zog den Barkeeper so nahe wie möglich an sich heran und rammte ihm den Dolch zwischen die Rippen. Mit einem einzigen Stich war er fast lautlos erledigt. M. beschwichtigte uns mit beiden Händen und bat uns sitzen zu bleiben, er ginge das Auto holen. P. übernahm die Arbeit des Barkeepers und goß jedem einen Brandy ein. Als Verbindung zwischen seinem Glas und meinem legte er eine Reihe Zuckerstückchen auf den Tresen. Er trank einen Schluck. Wir prosteten uns zu; dann schüttete er den restlichen Inhalt aus unseren Gläsern über die Zuckerstückchen, nahm sein Feuerzeug und entzündete die Zuckerstückchen auf der Holzplatte der Theke. Wir schlossen unsere Mäntel und ehe sich das Feuer richtig entfachen konnte traten wir hinaus in die feuchtkalte Nacht. M. wartete im Wagen bei laufendem Motor.
In der Frankfurter Rundschau vom Tage beginnt Guido Graf seinen Nachruf auf David Foster Wallace mit den Worten: »Der Unterschied zwischen Selbstmord und Mord beschränkt sich vielleicht auf die Frage, wo man die Käfigtür verortet: Würden sie jemanden umbringen, um sich aus dem Käfig zu befreien?”
Hätte Wallace auch den Schluß des Artikels samt Google-Anzeige lesen können, vielleicht wäre er noch am Leben …

»Lichter? (ich hob mich auf den Pedalen) -: – Nirgends. (Also wie immer seit den fünf Jahren).«
Zur Unterstützung meines Überlebenstrainings habe ich mir die passende Lektüre besorgt. Ich fahre zwar auch mit dem Fahrrad aber nicht durch die Lüneburger Heide; dennoch ist Arno Schmidts »Schwarze Spiegel« meiner Stimmungslage mehr als angepaßt. In drei Tagen ist Vollmond.
Zur Einstimmung übe ich schon einmal den »Russischen Lauf-Hüpfer«, eine der wesentlichen Techniken zum Besteigen eines Damenfahrrades. Zu beachten dabei ist, dass man in Richtung Bordstein aufhüpft; so vermeidet man Unfälle mit dem Gegenverkehr. Eine tollkühne Variante ist auch der »Russische Renn-Schwung«. Dazu braucht man ein Herrenfahrrad mit einer hohen Querstange. Man schwingt sich mit dem Bein über den Sattel Richtung Straßenmitte und Gegenverkehr; dabei ist man am besten sternhagel voll und scheut weder Risiken noch Gefahr.
Arno Schmidt: Schwarze Spiegel; Kartoniert. Text und Kommentar. Kommentar v. Oliver Jahn Suhrkamp BasisBibliothek (SBB) Bd.71 154 S. 18 cm 112g , 2006 Suhrkamp ISBN 3-518-18871-2
9 von 155 Seiten gelesen.
Die Deutschen blendet das englische Leben anfangs, es erdrückt sie, später saugt es sie auf oder, besser gesagt, wandelt sie zu schlechten Engländern. Wenn der Deutsche irgendetwas unternimmt, rasiert er sich sich gewöhnlich zunächst, legt einen Kragen um, der bis zu den Ohren reicht, sagt »yes« anstatt »ja«, und »well«, wo man überhaupt nichts zusagen brauchte. Mit Engländern gehen die Deutschen niemals wie mit ihresgleichen um, sondern wie unsere Kleinbürger mit Beamten, und unsere Beamten mit Angehörigen des Uradels.
Sobald jedoch der erschrockene Ausländer anfängt, sich der englischen Art anzupassen, hat der Engländer keine Achtung vor ihm und behandelt ihn von der Höhe seines britischen Hochmuts aus mit Herablassung. Da ist es denn, selbst wenn man über viel Takt verfügt, so manches Mal schwierig, das rechte Maß zu finden, um nicht nach der Plus- oder Minusseite hin zu sündigen; und man kann sich vorstellen, was die Deutschen tun, denen es an jeglichem Takt mangelt, die familiär und liebedienerisch sind, allzu manieriert und allzu derb, ohne Grund sentimental und grob, ohne herausgefordert zu sein. – [Alexander Herzen: Die Emigration in London]
»Ich würde mich freuen, wenn sie mit mir auf meinem Boot noch anstoßen würden«, lud Cukurs seinen Kunden ein. [...] In der winzigen Kabine seines Motorboots holte Cukurs ein Flasche heimischen Brandy und zwei Gläser hervor. »Zum Wohl!« wünschte er seinem neuen Bekannten. »Prosit«, antwortete Künzle, erhob das Glas. sein Trinkspruch hörte sich aufrichtig und ehrlich an, ganz als käme er von Herzen.
Cukurs hätte sich nicht grundlegender irren können. Er konnte nicht ahnen, dass sich Künzles Wunsch auf etwas ganz anderes bezog, nämlich auf Cukurs’ Tod. Und derjenige, der den netten Trinkspruch getan hatte. hieß auch nicht Künzle. Er war auch kein österreichischer Geschäftsmann, sondern Israeli, ein ehemaliger Offizier der israelischen Armee, der mit nur einem Ziel nach Brasilien gekommen war: den »Henker von Riga« ausfindig zu machen, der im Zweiten Weltkrieg persönlich für die Vernichtung von vielen Tausend Rigaer Juden verantwortlich war. Sein erklärtes Ziel war es, Cukurs’ Vertrauen zu gewinnen und ihn in eine Falle zu locken, in der das Todesurteil vollstreckt werden sollte, das »diejenigen, die niemals vergessen« über ihn gefällt hatten. Der »Henker von Riga«, der Verbrecher, der Verderben über Lettlands Juden gebracht hatte, war niemand anders als Herbert Cukurs.
Ich lese – auch aus Protest gegen den Aufstand um Littell – wieder einmal:
Der Tod des Henkers von Riga / Anton Künzle und Gad Shimron. Aus dem Hebr. von Christina Mulolli und Elisabeth Hausen, 1999 ISBN: 3-88350-048-8
13 von 240 Seiten gelesen.
“Da Literatur nun, insoweit sie Kunst ist, immer pervers ist, führt sie zu Genüssen, die an ihrem Grund nicht erlaubt sind. Es sind Übertretungen. Ich habe nach den ersten gelesenen Seiten die Ahnung, solch eine Übertretung liege hier vor, und sie sei ungeheuer.” ANH in: Jonathan Littell. Die Wohlgesinnten. Lesenotate (1)
[Nachtrag 16.3.08 12:30]
Das Zitat war gestern nur kurz notiert: auf weitere Leseeindrücke von ANH bin ich gespannt. Dem Umfang und dem Sujet nach ist ungewiss, ob ich mir den Littell zu Gemüte führe. Mir genügen die Protokolle des Eichmann- und des Auschwitz-Prozesses als Einblick in die Psyche der Täter; man kann ja auch mal wieder Hannah Arendt, Wilhelm Reich u.a. lesen. Mich interessiert eher die Perspektive der Opfer z.B. in Liliana Cavanis Film »Der Nachtportier« aus dem Jahr 1974.
Dass Literatur, wenn sie Kunst sein will, »pervers« sein muss, dürfte ANH nur im Zusammenhang den »Wohlgesinnten« durchgerutscht sein, sonst ist er mir den Beweis des Perversen bei den Klassikern der Weltliteratur schuldig.
Dumpfes Hämmern,
späte Zeit.
Erste Bilder
fallen von der Wand.
Lange Nägel.
Finster bleich.
Beide Hände
rauh, verschweißt.
Leises Dämmern,
keine Zeit.
Erste Bretter,
weiß, bereit.
Hallo Mädels,
habt ihr Zeit,
weißer Neger,
macht die Beine breit.
Feather-Man’s Friend: Neue Lyrik – vom federnden Kratzer. Geschrieben auf Jancus Finca am Ufer des Olt, kurz vor der Mündung in die Donau, fast die Heimat von Peter Alexander Makkay.
[Wenn es nach 22 Uhr noch hämmert, hol ich die Polizei!!! ]
[Ergänzung 1: Hier die Originalfassung des Poeten]
[Ergänzung 2: »Es grassiert eine Lyrik, da kann ich mir manchmal den Gedanken nicht verkneifen an das Aquarellieren von respektablen Töchtern vergangener Jahrhunderte, nur dass es vielleicht heute eher sensible junge Herren sind, die damit bei depressiven Mädchen ankommen wollen, und vice versa. Man lasse sie doch klampfen, aber man hüte sich, das zu ernst zu nehmen.« Ann Cotten.]
* Feather-Man Foto: teresia
Das Glück ist nicht immer lustig – mit diesem Satz bereitet Rainer Werner Fassbinder die Zuschauer auf seinen Film “Angst essen Seele auf” vor. Emmi Kurowski, eine verwitwete Putzfrau jenseits der 60, betritt eine orientalische Bar in München – teils, weil es regnet, teils aus Neugier, woher die Musik stammt. Weil er nichts besseres zu tun hat und von einer Bekannten dazu animiert wird, fordert Ali, ein etwa zwanzig Jahre jüngerer Marokkaner mit mäßig guten Deutschkenntnissen, Emmi zum Tanzen auf. Sie unterhalten sich, er begleitet sie nach Hause, darf sogar bei ihr übernachten. Es entstehen Gefühle zwischen beiden und trotz beginnender feindseliger Stimmung bei Emmis Kindern, Nachbarinnen und Kolleginnen heiraten die beiden schließlich.
Ganz soweit ist es in Amaryllis Sommerers Geschichte “Elsa lacht” noch nicht gekommen. Elsa ist zwar auch Witwe aber erst Ende 50 und Ali heißt Goran. Er kommt vom Balkan und ist nicht ganz so arm dran wie Fassbinders Ali; er hat einen zwar alten und klapprigen Opel aber immerhin ein Auto, indem das glückliche Paar herumkutschieren kann.
An einem Sonntag wil Elsa Goran ihrem Sohn vorstellen; beim Essen in einem gutbürgerlichen Lokal. Angstschweißbärtchen. Alle drei tragen sie Angstschweißbärtchen, während der Kellner die Suppe serviert. Beim Rinderbraten kommt es zum Eklat. Nach Gorans Ansicht fehlt eine Salzgurke. Doch selbige ist weder auf der Speisekarte zu finden, geschweige denn in der Küche aufzutreiben. Ein Wort gibt das nächste und schon hat man sich nichts mehr zu sagen, will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben, erkennt wie fremd man sich ist und erstarrt zur Salzgurke – äh Salzsäule – aus Angst vor den eigenen Gefühlen.
* Amaryllis Sommerer: Elsa lacht S. 67-77 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten
66 von 225 Seiten gelesen.
* Bild: Gurkenboy materialboy - Lizenz
“Mir fehlen die Worte!” Heribert Weinstöckles Stimme dröhnte durch das kleine Büro. “Auch meine Geduld hat Grenzen, mein Lieber.”
Angesprochen wird hier Günder, Iskender Günder; und zwar von seinem Chef ganz vertraulich mit Vornamen Iskender. Der hat ihn gerade gefeuert. Wegen unerlaubter Nebentätigkeit. So nennt es jedenfalls Heribert Weinstöckl. Hätte der sich jedoch vorher informiert, vielleicht bei Thea Bauriedl oder Wolfgang Schmidbauer (Die hilflosen Helfer, Rowohlt 1977, ISBN 3-498-06123-2), hätte er wissen können, dass man das, was Iskender Günder getan hat, nicht als unerlaubte Nebentätigkeit sondern gemeinhin als “Helfersyndrom” bezeichnet.
Damit Ihnen das nicht auch passiert, gibt es bei den PaL (Praktisch anwendbaren Lebenshilfen) – übrigens ein Verlag aus Mannheim – einen Online-Test, mit dem Sie überprüfen können, ob Sie am “Helfersyndrom” leiden und Ihnen geholfen werden kann, bevor der Job weg ist.
Der Autorin hat die Geschichte von Iskender Günder ge- besser gesagt verholfen zu 2000 Euro Preisgeld im Mannheimer Kurzgeschichten Wettbewerb.
* Sabine Trinkhaus: Günders Grenzen S. 61-66 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten
66 von 225 Seiten gelesen.
Den Zäunen fehlt das Narrative, sie trennen nur.
Den Zäunen fehlt das Narrative, man grüßt jetzt schon einmal über den Gartenzaun.
Den mehrseitigen Meditationen über den Zaun – möchte ich keine weitere hinzufügen, den Zäunen fehlt in der Tat das Narrative. Es war schon spät am Abend; ich habe den Text im Bett gelesen.
Ja, aber die Zäune, die Zäune. Was sind die echt für welche?

* Christian von Zimmermann: Zäune S. 54-64 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten
60 von 225 Seiten gelesen.