Pierre-Joseph Proudhon 200. Geburtstag

Für Typographen, Schriftsetzer und andere Revolutionäre ein wichtiges Datum. Kollege Proudhon wäre am 15. Januar 200 Jahre alt geworden.

Zwar verstand auch Proudhon sich als Anhänger eines »wissenschaftlichen Sozialismus«, der auf »die Wissenschaft einer methodisch erschlossenen Gesellschaft« gegründet sein soll. Seine Strategie zur Emanzipation der arbeitenden Klassen jedoch unterschied sich von der von Marx und Engels dahingehend, dass er die Veränderung der Gesellschaft nicht durch die revolutionäre Selbstorganisation des Proletariats als der eigentlichen Antriebskraft einer sozialen Revolution anstrebte, sondern nur durch radikale wirtschaftliche und politische Reformen mittels der auf dem Prinzip der Mutualité (der gegenseitigen Hilfe) gegründeten Arbeiterassoziationen. Sie sollten zum Eckpfeiler der von ihm propagierten »Arbeiterdemokratie« werden.

Zu diesem Zweck gründete Proudhon im Jahre 1849 die »Volksbank« (Banque Populaire), die – durch den Verkauf von »Volksaktien« zum Preis von 5 Francs – zinslose Kredite an die Arbeiter vergeben sollte.

Das schreibt die TAZ vom Tage in einem lesenswerten Artikel [lesen, bevor er im Archiv verschwindet]

Woher wussten sie, dass der Tote tot war?

Gedicht der Woche: »Tod« von Harold Pinter

Woher wussten sie, dass der Tote tot war?

Haben Sie den Toten gewaschen
Haben Sie ihm beide Augen geschlossen
Haben Sie ihn begraben
Haben Sie ihn verlassen
Haben Sie den Toten geküsst

Ich belasse es bei diesem Auszug, denn Pinter ist noch keine 70 Jahre tot. Das Gedicht ganz lesen kann man s.o. oder in DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02 – noch besser man besorgt sich das Buch: Harold Pinter: »Krieg« übersetzt von Elisabeth Plessen und Peter Zadek; Rogner und Bernhard Verlag, 2003.

Verlagswesen: Hurra, die Krise ist vorbei

Verlagswesen: Hurra, die Krise ist vorbei

Wo zwei oder drei beisammenstehen, ist sie mitten unter ihnen. Sie ist noch etwas Imaginäres, obwohl jeder ihre schweren Schritte hört. Die Krise hat etwas zutiefst Religiöses, und weil wir damit nicht mehr umgehen können, versuchen wir sie kleinzureden. [...] Und nun brauchen wir plötzlich Philosophen, Theologen und Schriftsteller, die uns das fundamentale Schlamassel erklären. Es gibt einen Beschreibungsnotstand. Es schlägt die vielleicht letzte Stunde der Schrift, schwarz auf weiß, auf Papier.

Michael Krüger trifft mal wieder den richtigen Ton ;-)

Hinter den Ofen – Es ist kalt!

Die Polarkälte hat am heutigen Donnerstagmorgen die Tiefsttemperatur in Deutschland erneut absacken lassen. Das Frostloch lag in den bayerischen Alpen. Der Wetterdienst Meteomedia maß am Funtensee um zehn Uhr minus 34,6 Grad. [minus 12 Grad vor dem Küchenfenster haben mir gereicht.]
Im Kölner Dom kontrollieren die Domschweizer den Aggregatszustand des Weihwassers; wenn es gefroren ist, wird es wieder aufgehackt.

So sieht es im Hafen bei uns derzeit aus.

Mannheim 08.01.2009

Mannheim 08.01.2009

Und die Katze verzieht sich auch literarisch hinter den Ofen.

Speedy mit Kafka hinter dem Ofen

Speedy mit Kafka hinter dem Ofen

Alles hat er gewollt

Gert Jonke 2008 - Foto Wikipedia

Gert Jonke 2008 - Foto Wikipedia

Am 4. Januar ist Gert Jonke im Alter von 62 Jahren in Wien verstorben. Die heutige Ausgabe der Frankfurter Rundschau enthält einen lesenswerten Beitrag von Martin Lüdke*; »Alles hat er gewollt« überschrieben. Lüdke zitiert Jonke zum Thema Form des Erzählens mit einer Bemerkung aus dem Jahre 1970:

»Ich glaube nicht an normale Erzählungen. Ich kann nur an Erzählungen glauben, die durch andere Erzählungen unterbrochen werden. Ich glaube, jeder einzelne Satz der Erzählung muß durch einen darauf folgenden Satz einer zweiten oder dritten Erzählung unterbrochen werden. Indem ich jeden Satz der Erzählung vom folgenden Satz der Erzählung durch einen Satz einer zweiten oder dritten Erzählung trenne und erst später einsetze, erhalte ich viele Erzählungen in einer einzigen Erzählung.«

Der gebürtige Klagenfurter zweifelte nicht nur an der Sprache. Er zweifelte auch an der Wirklichkeit der Realität. [...] Soll die Erzählung nicht auf eine rein formalistische Spielerei reduziert werden, ergeben sich für einen (lesbaren) Text enorme konstruktive Schwierigkeiten, vergleichbar dem Projekt Raymond Roussels. Jonke hat sich an diesen Schwierigkeiten fast die Zähne ausgebissen. – Einen treffenderen Nachruf kann man kaum schreiben.
* [der Beitrag i.d. FR verschwindet irgendwann im kostenpflichtigen Archiv; und der Link funktioniert nicht mehr.]

Ich schreibe. Mit wirklich eiserner Disziplin

Ich schreibe. Mit wirklich eiserner Disziplin räume ich mir jeden Tag zwei Stunden frei fürs Schreiben, entweder morgens vor der Arbeit oder abends danach. Für mich war das immer sehr wichtig. Wenn man den ganzen Tag mit anderen Textformen zu tun hat, von der Aktennotiz bis zum Roman, habe ich am Ende bei all der Hetze manchmal das Gefühl, jede eigene Sprache verloren zu haben. Da sitze ich dann da und denke, mein Gott, ich habe alles in irgendwelche Kanäle gestopft, meine Ideen, meine Energien, und jetzt bin ich ein leerer Sack. Und dann versuche ich, in dem ganzen Strudel mit meinen bescheidenen Mitteln irgendetwas zu retten von mir. Ich kenne meine Begrenztheit, keine Sorge, aber darum geht es nicht. Ich bin glücklich, wenn etwas gedruckt wird, aber wichtiger ist, dass ich es geschrieben habe.
[Michael Krüger im Gespräch mit Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert. DIE ZEIT, 23.12.2008]

Klein und Wagner Teil 2

Wagners Brief an den Mannheimer Intendanten
Landesarchiv Baden Württemberg – Foto: Alfred Drossel, LKZ

Hermann Hesses Erzählung »Klein und Wagner« zählt man zu den eindruckvollsten, »poetischesten« Schilderungen des Elends der Depression. Auch auf der der Suche nach Material zum Thema »tödliche Wasser« habe ich sie erneut gelesen. Friedrich Klein wählt am Ende die klassische Variante und ertränkt sich im See. Das Wasser als solches ist somit nicht tödlich, sondern nur Kleins Umgang damit.

Auffällig ist nicht nur die Verarbeitung der Lebenssituation Hesses in der Erzählung, sondern auch die Einbeziehung des seinerzeit aktuellen Kriminalfalles des Lehrers Ernst August Wagners. Der hat mit Wasser nun gar nichts zu tun; ein Totschläger, ein Messer, eine Pistole und vor allem das Feuer spielen hier die Hauptrolle. Erschlagen und erstochen hat Wagner seine Frau und seine vier Kinder, bevor er in Mühlhausen bei Vaihingen an der Enz die Ortschaft an allen vier Ecken anzündete. Mit der Pistole schoss er auf diejenigen, die dem Feuer zu entkommen suchten. Der Fall schrieb Rechtsgeschichte, denn erstmals wurde damals in der Württembergischen Geschichte ein Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt. Ernst Wagner wurde in die Heilanstalt Winnentahl eingeliefert.

In der Pschiatrie entwickelt sich Wagner zum Dichter und schreibt Dramen, die er auch dem Mannheimer Nationaltheater zur Aufführung anbietet. [siehe Brief-Faksimile]

Die Akten des Falles Wagner sind im Landesarchiv Baden Württemberg dokumentiert und teilweise online einsehbar.

"siehe auch:Klein und Wagner Teil 1"

Keine Tabus

Erich H.Wenn man von festen Positionen des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben.
[Erich Honecker, 1972]

Das Gedicht

Alle Menschen dichten fast pausenlos, in Tagträumen, in ungeäußerten Wünschen, auch im Schlaf, meist ohne es zu wissen, meist ohne ihr Gedicht mitteilen zu können oder zu wollen. Das geschriebene Gedicht – nicht jedes, aber doch viele – ist ein Amalgam von Spontaneität und bewußter Kunst, manchmal Künstlichkeit (was nicht im herabmindernden Sinne gemeint ist). Es ist ein Stück Selbstverwirklichung, ein Stück Freiheit. Möglich, dass die künftige Gesellschaft, in der, laut »Kommunistischem Manifest«, »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«, eine Flut extrem subjektiver Gedichte hervorbringen wird. Vielleicht wird sie, im Gegenteil, keine Gedichte mehr kennen. Das Gedicht ist jedenfalls eine ziemlich unheimliche, weil gleichzeitig allgemeine und völlig einsame Erscheinung.
[Stephan Hermlin, 1972]

Das Schreiben

Aber das ist ein RomanDas Schreiben ist ein unerschöpfliches Thema. (Sagt der Inka und knüpft einen Knoten in die Schnur. Da kommt seine Frau des Wegs, reißt ihm den Strick aus der Hand und hängt die Wäsche daran auf. »Aber das ist ein Roman!« sagt der Inka zu seiner Frau. »Papperlapapp!« sagt seine Frau.)
[Uwe Brandner, 1968]

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