Vor ein paar Tagen intuitiv »Klein und Wagner« von Hermann Hesse aus dem Regal gezogen als Bettlektüre für eine eventuell wieder schlaflose Nacht.
»So weit kam Klein mit seinen Gedanken, und er fühlte, dass es sich da für ihn um Wichtiges, ja um das Leben selber handle. Aber es war unsäglich mühsam, diese Erinnerungen und Gedanken auseinanderzufädeln und zu ordnen. Eine aufzuckende Ahnung letzter, erlösender Erkenntnisse unterlag der Müdigkeit und dem Widerwillen gegen seine ganze Situation. Er stand auf, wusch sich das Gesicht, ging barfuß auf und ab, bis ihn fröstelte, und dachte nun zu schlafen.«
Ich bin nicht sehr weit mit dem Lesen gekommen. Die Müdigkeit zwang mich in einen unruhigen Schlaf. Die nächsten Nächte habe ich Kapitel um Kapitel gelesen mehr oder weniger schon in einem dämmerigen Zustand des »Vorschlafes«.
»Verstehen können – das wäre gut, das wäre vielleicht die Rettung! Er war noch lange nicht am Ende mit dem Erkennen seiner Lage und dessen, was mit ihm vorgegangen war. Er stand noch ganz im Anfang, das fühlte er wohl. Wenn er sich jetzt zusammenraffen und alles ganz genau zusammenfassen, ordnen und überlegen könnte, dann würde er vielleicht den Faden finden. Das Ganze würde einen Sinn und ein Gesicht bekommen und würde dann vielleicht zu ertragen sein. Aber diese Anstrengung, dieses letzte Sichaufraffen war ihm zu viel, es ging über seine Kräfte, er konnte einfach nicht. Je angespannter er zu denken versuchte, desto schlechter ging es, er fand statt Erinnerungen und Erklärungen in sich nur leere Löcher, nichts fiel ihm ein, und dabei verfolgte ihn schon wieder die quälende Angst, er möge gerade das Wichtigste vergessen haben.«
In meiner depressiven Stimmungslage ging es mir genau so. Seltsamerweise drückten diese Textpassagen mir nicht weiter aufs Gemüt; sie munterten mich im Gegenteil sogar auf.
»In gefasster Trauer, noch mit Tränen in den Augen, sagte er leise vor sich hin: «Gott, was hast du noch mit mir im Sinn?» Aus den Gedanken der Nacht klang nur die eine Stimme voll Sehnsucht in ihm fort: nach Reifsein, nach Heimkehr, nach Sterbendürfen. War denn sein Weg noch weit? War die Heimat noch fern? War noch viel, viel Schweres, war noch Unausdenkliches zu leiden? Er war bereit dazu, er bot sich hin, sein Herz stand offen: Schicksal stoß zu!«
Ein Gott oder das Schicksal sind für mich nicht die letzte Instanz. Ich versuche eher den »Zen-Weg« aus der Depression; es gilt die Vereinbarung, sich zu bemühen, keinem Lebewesen etwas zu Leide zu tun – auch nicht sich selbst.
"siehe auch:Klein und Wagner Teil 2"