Der Rucksack ist die Geschichte der Familie eines Onkels aus A.(fghanistan) von ihm selbst erzählt. Der Onkel scheint, wie der Autor (ebenfalls Afghane), in Deutschland zu leben. Die Story sehr polyglott mit Schauplätzen in Afghanistan, Deutschland, Indien, Pakistan und USA. Die Sprache arabesk und blumenreich. »… flattern über einen bunten Schleier aus zarten Veilchen, Anemonen und Narzissen, der sich über die Steppe breitet, berauscht vom Elixier der eigenen Düfte.« Im Stile eines arabischen Märchenerzählers wird hier die Geschichte Afghanistans seit dem Einmarsch der Russen bearbeitet.
Der Rucksack gehörte ursprünglich einem russischen Soldaten. Er schenkte ihn dem Neffen und der Neffe vermachte ihn seinem Onkel. Trotz der Warnung des Neffen, der Rucksack sei mit einem Fluch beladen, mit dem Tod verbunden und kehre wie ein Bumerang immer wieder zu seinem Besitzer zurück, schleppt der Onkel den Rucksack überall mit hin.
Die Figuren der Geschichte haben, mit Ausnahme der Schwester des Neffen, keine Namen sondern nur Verwandtschaftsbeziehungen. Sie sind als Individuen nicht greifbar und erscheinen für den Leser wie die verstoßene Ehefrau des Onkels verschleiert unter der Burka.
Als Grundtenor zieht sich durch die ganze Geschichte ein Schuldgefühl, das alle Figuren ergriffen hat. So entsteht – ob beabsichtigt sei dahingestellt – eine Moralkeule, mit der Onkel und Autor unterschwellig auf den Leser eindreschen, sich ebenfalls schuldig zu fühlen. Nein, lieber Onkel, ich fühle mich und bin unschuldig. Ich habe die mir zwangsweise angetraute Ehefrau nicht jungfräulich verstoßen. Ich habe weder eine Geburtstags- noch eine Hochzeitsgesellschaft beschossen bzw. in die Luft gesprengt und auch keinen Russen erstochen.
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten
* Der Rucksack – Foto: at_peter_mayr – Lizenz