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GurkenboyDas Glück ist nicht immer lustig – mit diesem Satz bereitet Rainer Werner Fassbinder die Zuschauer auf seinen Film “Angst essen Seele auf” vor. Emmi Kurowski, eine verwitwete Putzfrau jenseits der 60, betritt eine orientalische Bar in München – teils, weil es regnet, teils aus Neugier, woher die Musik stammt. Weil er nichts besseres zu tun hat und von einer Bekannten dazu animiert wird, fordert Ali, ein etwa zwanzig Jahre jüngerer Marokkaner mit mäßig guten Deutschkenntnissen, Emmi zum Tanzen auf. Sie unterhalten sich, er begleitet sie nach Hause, darf sogar bei ihr übernachten. Es entstehen Gefühle zwischen beiden und trotz beginnender feindseliger Stimmung bei Emmis Kindern, Nachbarinnen und Kolleginnen heiraten die beiden schließlich.

Ganz soweit ist es in Amaryllis Sommerers Geschichte “Elsa lacht” noch nicht gekommen. Elsa ist zwar auch Witwe aber erst Ende 50 und Ali heißt Goran. Er kommt vom Balkan und ist nicht ganz so arm dran wie Fassbinders Ali; er hat einen zwar alten und klapprigen Opel aber immerhin ein Auto, indem das glückliche Paar herumkutschieren kann.
An einem Sonntag wil Elsa Goran ihrem Sohn vorstellen; beim Essen in einem gutbürgerlichen Lokal. Angstschweißbärtchen. Alle drei tragen sie Angstschweißbärtchen, während der Kellner die Suppe serviert. Beim Rinderbraten kommt es zum Eklat. Nach Gorans Ansicht fehlt eine Salzgurke. Doch selbige ist weder auf der Speisekarte zu finden, geschweige denn in der Küche aufzutreiben. Ein Wort gibt das nächste und schon hat man sich nichts mehr zu sagen, will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben, erkennt wie fremd man sich ist und erstarrt zur Salzgurke - äh Salzsäule - aus Angst vor den eigenen Gefühlen.

* Amaryllis Sommerer: Elsa lacht S. 67-77 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

66 von 225 Seiten gelesen.

* Bild: Gurkenboy materialboy - Lizenz

Günders Grenzen (61-66)

“Mir fehlen die Worte!” Heribert Weinstöckles Stimme dröhnte durch das kleine Büro. “Auch meine Geduld hat Grenzen, mein Lieber.”

Angesprochen wird hier Günder, Iskender Günder; und zwar von seinem Chef ganz vertraulich mit Vornamen Iskender. Der hat ihn gerade gefeuert. Wegen unerlaubter Nebentätigkeit. So nennt es jedenfalls Heribert Weinstöckl. Hätte der sich jedoch vorher informiert, vielleicht bei Thea Bauriedl oder Wolfgang Schmidbauer (Die hilflosen Helfer, Rowohlt 1977, ISBN 3-498-06123-2), hätte er wissen können, dass man das, was Iskender Günder getan hat, nicht als unerlaubte Nebentätigkeit sondern gemeinhin als “Helfersyndrom” bezeichnet.

Damit Ihnen das nicht auch passiert, gibt es bei den PaL (Praktisch anwendbaren Lebenshilfen) - übrigens ein Verlag aus Mannheim - einen Online-Test, mit dem Sie überprüfen können, ob Sie am “Helfersyndrom” leiden und Ihnen geholfen werden kann, bevor der Job weg ist.
Der Autorin hat die Geschichte von Iskender Günder ge- besser gesagt verholfen zu 2000 Euro Preisgeld im Mannheimer Kurzgeschichten Wettbewerb.

* Sabine Trinkhaus: Günders Grenzen S. 61-66 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

66 von 225 Seiten gelesen.

Den Zäunen fehlt das Narrative, sie trennen nur.
Den Zäunen fehlt das Narrative, man grüßt jetzt schon einmal über den Gartenzaun.

Den mehrseitigen Meditationen über den Zaun - möchte ich keine weitere hinzufügen, den Zäunen fehlt in der Tat das Narrative. Es war schon spät am Abend; ich habe den Text im Bett gelesen.

Ja, aber die Zäune, die Zäune. Was sind die echt für welche?

Schäfchen zählen Schäfchen zählen Schäfchen zählen

* Christian von Zimmermann: Zäune S. 54-64 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

60 von 225 Seiten gelesen.

VishnuSeit mehr als 50 Jahre ist Sunil der Inbegriff für Sauberkeit und Pflege einerseits - andererseits auch ein weitverbreiteter indischer Vorname und bedeutet tiefe, dunkle, blaue Farbe. Blau ist die Hautfarbe Vishnus und verkörpert einen tiefen Charakter, Mut, Entschlossenheit, Männlichkeit und die Fähigkeit zum Umgang mit schwierigen Situationen. In einer solchen steckt auch der schlafende Protagonist in Sunil Manns Erzählung “Der Brief” wenn er aufwachen wird. Auf dem Nachttisch wird er den Titelgeber der Erzählung, geschrieben von seiner Frau, vorfinden. Seine Frau, deren Schwangerschaft sich bereits vor zwei Wochen durch häufiges Kotzen ankündigte, wird zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem One-Way-Ticket im Flugzeug sitzen und das gesamte Blau des weiten Firmaments (eine weitere Bedeutung von Sunil) Richtung heimatliches Indien durchqueren; wo sie den noch in der Schweiz schlafenden Gatten mit ihrem Kind zu erwarten gedenkt.

* Sunil Mann: Der Brief S. 47-53 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

53 von 225 Seiten gelesen.

Zigi übers Meer (35-46)

Das MeerWenn die ersten kühlen Nächte anfingen, den Sommer zu verdrängen, kam Besuch in Annas Haus. Er kam von weit her, wie Annas Mutter sagte, mit einem Schiff, dann mit einem Zug und einem Bus. Nach seinen Briefen hatten ihn Anna und ihre Mutter schon seit Wochen erwartet, ohne zu wissen, an welchem Tag er kommen würde.” Zsuzsa Bánks Element ist das Wasser; in ihrem viel beachteten Debutroman »Der Schwimmer« waren es Flüsse und in dieser Geschichte ist es das Meer. Zsuzsa Bánk, Tochter ungarischer Eltern, die nach dem Ungarnaufstand 1956 in den Westen geflohen waren, wuchs zweisprachig auf, war Buchhändlerin, studierte Publizistik, Politik und Literatur. Sie arbeitete als Wirtschaftsredakteurin. Seit 2000 ist sie freie Schriftstellerin.

Zigi der JongleurWährend in Zsuzsa Bánks Romandebut die Mutter in der Fremde weilt, sind hier die Rollen vertauscht. Wie kann einer Vater sein, wenn er nur einmal im Jahr auf Besuch kommt, Zigi heißt und von Beruf Jongleur ist? Zigi “legte sich auf den Rücken ins Gras, zog die Beine hoch, warf eine große Flasche in die Luft, die er irgendwo im Haus gefunden hatte, fing sie mit den Füßen auf und drehte sie so schnell, dass ihr Schriftzug zu einem unlesbaren Strich wurde.” Zigi war auch nicht sein eigener Name, “sondern einer, den er erfunden, den er sich selbst gegeben hatte, in eine Jahr, das weit genug zurücklag, um seine Zahl zu vergessen, in dem er zum ersten Mal ein Schiff bestiegen hatte, dass ihn fortriss aus allem, was er bislang gewesen war, um wenige Wochen später anzufangen, unter einer Zirkuskuppel Tabletts auf seiner Stirn zu balancieren.

Mit “erzählerischem Eigensinn” und “sprachlicher Strenge”, so schrieb Peter Nadas in DIE ZEIT über »Der Schwimmer«, wird hier “eines der bedeutendsten geistigen Probleme der Epoche ins Blickfeld gerückt”, nämlich die Spannung zwischen Aufklärung und Postmoderne. In der Geschichte zweier Kinder findet Nadas einen “Einblick in das Bewusstsein von Millionen von Flüchtlingen und Emigranten”. Das gilt auch für die Geschichte »Zigi übers Meer«. Völlig zu Recht hat Zsuzsa Bánk dafür einen der ersten Preise im Mannheimer Kurzgeschichten Wettbewerb erhalten.

Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer, Roman, S. Fischer, Frankfurt/Main 2002, TB 2004 ISBN 3-596-15248-8

* Zsuzsa Bánk: Zigi übers Meer S. 40-46 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

46von 225 Seiten gelesen.

* Das Meer - Foto: f.eckersdorfer
* Zigi der Jongleur - Foto: hi-tekznologik

MunzurbergeHab ich doch tatsächlich heute Nacht davon geträumt: “Meine Großmutter ritt aufrecht in ihrem langen grüngelben Kleid am Fuße der felsigen Berge entlang dem Ufer des Euphrat, der hier noch als wilder Bach in die Ebene floß. Im Schatten der Weiden war es kühl, und meine Großmutter legte das schwere Gewehr ab. Sie setzte sich unter die Bäume, atmete tief aus und tauchte ihr verschwitztes Gesicht ins klare Wasser. Sie trank aus beiden Händen, besprühte ihren verschwitzten Nacken und Zopf und streckte sich aus auf dem kühlen Gras, es war weich, frisch und lud sie zum Ruhen ein. Ihr Blick verlor sich im strömenden Wasser, im durchsichtigen Grün, in kristallenen Linien, und sie hörte dem ruhigen Lauschen zu und verfiel in einen tiefen Schlaf.” *

Natürlich ist nicht meine Großmutter gemeint. Es geht um die Großmutter der Protagonistin und ihren einzigen Geliebten Kerim, den Kirgisen, in Yadé Karas Geschichte »Kelim«. Yadé Kara erzählt von drei Generationen starker Frauen, die vom Osten Anatoliens nach Deutschland gekommen sind. Continue Reading »

Der Rucksack (9-18)

Der RucksackDer Rucksack ist die Geschichte der Familie eines Onkels aus A.(fghanistan) von ihm selbst erzählt. Der Onkel scheint, wie der Autor (ebenfalls Afghane), in Deutschland zu leben. Die Story sehr polyglott mit Schauplätzen in Afghanistan, Deutschland, Indien, Pakistan und USA. Die Sprache arabesk und blumenreich. »… flattern über einen bunten Schleier aus zarten Veilchen, Anemonen und Narzissen, der sich über die Steppe breitet, berauscht vom Elixier der eigenen Düfte.« Im Stile eines arabischen Märchenerzählers wird hier die Geschichte Afghanistans seit dem Einmarsch der Russen bearbeitet.

Der Rucksack gehörte ursprünglich einem russischen Soldaten. Er schenkte ihn dem Neffen und der Neffe vermachte ihn seinem Onkel. Trotz der Warnung des Neffen, der Rucksack sei mit einem Fluch beladen, mit dem Tod verbunden und kehre wie ein Bumerang immer wieder zu seinem Besitzer zurück, schleppt der Onkel den Rucksack überall mit hin.

Die Figuren der Geschichte haben, mit Ausnahme der Schwester des Neffen, keine Namen sondern nur Verwandtschaftsbeziehungen. Sie sind als Individuen nicht greifbar und erscheinen für den Leser wie die verstoßene Ehefrau des Onkels verschleiert unter der Burka.

Als Grundtenor zieht sich durch die ganze Geschichte ein Schuldgefühl, das alle Figuren ergriffen hat. So entsteht - ob beabsichtigt sei dahingestellt - eine Moralkeule, mit der Onkel und Autor unterschwellig auf den Leser eindreschen, sich ebenfalls schuldig zu fühlen. Nein, lieber Onkel, ich fühle mich und bin unschuldig. Ich habe die mir zwangsweise angetraute Ehefrau nicht jungfräulich verstoßen. Ich habe weder eine Geburtstags- noch eine Hochzeitsgesellschaft beschossen bzw. in die Luft gesprengt und auch keinen Russen erstochen.

»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

18 von 225 Seiten gelesen.

* Der Rucksack - Foto: at_peter_mayr - Lizenz

Fernando Pessoa na Baixa-Chiado“Auf der literarischen Suche nach der Wirklichkeit eines sich verändernden Kontinents, wird die soziale und sprachliche Kompetenz wichtiger als die Herkunft.” heißt es im Vorwort der Herausgeber, dem sie ein Zitat von Fernando Pessoa aus dem Buch der Unruhe vorangestellt haben:

»Sich bewegen heißt leben. Sich in Worte fassen heißt überleben.«

Die Wirklichkeit in Europa ist keine Verhandlungssache. [...] Sie verbirgt sich heimtückisch hinter den Fakten und bewegt sich oberhalb der Empfindungen. Die Wirklichkeit in Europa ist eine Kunst! Im vorliegenden Fall ist sie Erzählkunst.

Darüber wird in den nächsten Tagen noch zu reden sein, bisher habe ich nur das Vorwort gelesen.

»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

8 von 225 Seiten gelesen.

* Fernando Pessoa Foto: suki-suki - Lizenz

grenzen.ueberschreiten coverFünf Tage mit der “Morgenpost” war das Buch von der Feuerwache am alten Messplatz bis nach Neuhermsheim auf der Wanderschaft. Migration geht nicht auf einen Schlag sondern ist ein länger andauernder Prozess. Davon erzählt »grenzen.überschreiten ja schließlich. Das Buch, wäre es nicht schon gedruckt gewesen, hätte seine eigene Geschichte in sich hineinschreiben können. Da die Einreichungsfrist für die Texte aber längst überschritten ist, bleibt es bei den 35 Erzählungen, die die Jury des “Mannheimer Kurzgeschichten Wettbewerbs” ausgewählt hat. Einige Geschichten habe ich im “digitalen Leseexemplar” schon am Bildschirm gelesen - und wieder vergessen. 225 Seiten am Bildschirm sind eine Tortour. Deshalb fange ich heute Nacht mit dem richtigen Buch an.

»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten

0 von 225 Seiten gelesen.