Angst essen Salzgurke auf (67-77)
Feb 3rd, 2008 by JK
Das Glück ist nicht immer lustig – mit diesem Satz bereitet Rainer Werner Fassbinder die Zuschauer auf seinen Film “Angst essen Seele auf” vor. Emmi Kurowski, eine verwitwete Putzfrau jenseits der 60, betritt eine orientalische Bar in München – teils, weil es regnet, teils aus Neugier, woher die Musik stammt. Weil er nichts besseres zu tun hat und von einer Bekannten dazu animiert wird, fordert Ali, ein etwa zwanzig Jahre jüngerer Marokkaner mit mäßig guten Deutschkenntnissen, Emmi zum Tanzen auf. Sie unterhalten sich, er begleitet sie nach Hause, darf sogar bei ihr übernachten. Es entstehen Gefühle zwischen beiden und trotz beginnender feindseliger Stimmung bei Emmis Kindern, Nachbarinnen und Kolleginnen heiraten die beiden schließlich.
Ganz soweit ist es in Amaryllis Sommerers Geschichte “Elsa lacht” noch nicht gekommen. Elsa ist zwar auch Witwe aber erst Ende 50 und Ali heißt Goran. Er kommt vom Balkan und ist nicht ganz so arm dran wie Fassbinders Ali; er hat einen zwar alten und klapprigen Opel aber immerhin ein Auto, indem das glückliche Paar herumkutschieren kann.
An einem Sonntag wil Elsa Goran ihrem Sohn vorstellen; beim Essen in einem gutbürgerlichen Lokal. Angstschweißbärtchen. Alle drei tragen sie Angstschweißbärtchen, während der Kellner die Suppe serviert. Beim Rinderbraten kommt es zum Eklat. Nach Gorans Ansicht fehlt eine Salzgurke. Doch selbige ist weder auf der Speisekarte zu finden, geschweige denn in der Küche aufzutreiben. Ein Wort gibt das nächste und schon hat man sich nichts mehr zu sagen, will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben, erkennt wie fremd man sich ist und erstarrt zur Salzgurke - äh Salzsäule - aus Angst vor den eigenen Gefühlen.
* Amaryllis Sommerer: Elsa lacht S. 67-77 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten
* Bild: Gurkenboy materialboy - Lizenz

“Wenn die ersten kühlen Nächte anfingen, den Sommer zu verdrängen, kam Besuch in Annas Haus. Er kam von weit her, wie Annas Mutter sagte, mit einem Schiff, dann mit einem Zug und einem Bus. Nach seinen Briefen hatten ihn Anna und ihre Mutter schon seit Wochen erwartet, ohne zu wissen, an welchem Tag er kommen würde.” Zsuzsa Bánks Element ist das Wasser; in ihrem viel beachteten Debutroman »Der Schwimmer« waren es Flüsse und in dieser Geschichte ist es das Meer. Zsuzsa Bánk, Tochter ungarischer Eltern, die nach dem Ungarnaufstand 1956 in den Westen geflohen waren, wuchs zweisprachig auf, war Buchhändlerin, studierte Publizistik, Politik und Literatur. Sie arbeitete als Wirtschaftsredakteurin. Seit 2000 ist sie freie Schriftstellerin.
Während in Zsuzsa Bánks Romandebut die Mutter in der Fremde weilt, sind hier die Rollen vertauscht. Wie kann einer Vater sein, wenn er nur einmal im Jahr auf Besuch kommt, Zigi heißt und von Beruf Jongleur ist? Zigi “legte sich auf den Rücken ins Gras, zog die Beine hoch, warf eine große Flasche in die Luft, die er irgendwo im Haus gefunden hatte, fing sie mit den Füßen auf und drehte sie so schnell, dass ihr Schriftzug zu einem unlesbaren Strich wurde.” Zigi war auch nicht sein eigener Name, “sondern einer, den er erfunden, den er sich selbst gegeben hatte, in eine Jahr, das weit genug zurücklag, um seine Zahl zu vergessen, in dem er zum ersten Mal ein Schiff bestiegen hatte, dass ihn fortriss aus allem, was er bislang gewesen war, um wenige Wochen später anzufangen, unter einer Zirkuskuppel Tabletts auf seiner Stirn zu balancieren.”
Hab ich doch tatsächlich heute Nacht davon geträumt: “Meine Großmutter ritt aufrecht in ihrem langen grüngelben Kleid am Fuße der felsigen Berge entlang dem Ufer des Euphrat, der hier noch als wilder Bach in die Ebene floß. Im Schatten der Weiden war es kühl, und meine Großmutter legte das schwere Gewehr ab. Sie setzte sich unter die Bäume, atmete tief aus und tauchte ihr verschwitztes Gesicht ins klare Wasser. Sie trank aus beiden Händen, besprühte ihren verschwitzten Nacken und Zopf und streckte sich aus auf dem kühlen Gras, es war weich, frisch und lud sie zum Ruhen ein. Ihr Blick verlor sich im strömenden Wasser, im durchsichtigen Grün, in kristallenen Linien, und sie hörte dem ruhigen Lauschen zu und verfiel in einen tiefen Schlaf.” *
“Auf der literarischen Suche nach der Wirklichkeit eines sich verändernden Kontinents, wird die soziale und sprachliche Kompetenz wichtiger als die Herkunft.” heißt es im Vorwort der Herausgeber, dem sie ein Zitat von Fernando Pessoa aus dem Buch der Unruhe vorangestellt haben:
Fünf Tage mit der “Morgenpost” war das Buch von der Feuerwache am alten Messplatz bis nach Neuhermsheim auf der Wanderschaft. Migration geht nicht auf einen Schlag sondern ist ein länger andauernder Prozess. Davon erzählt »grenzen.überschreiten ja schließlich. Das Buch, wäre es nicht schon gedruckt gewesen, hätte seine eigene Geschichte in sich hineinschreiben können. Da die Einreichungsfrist für die Texte aber längst überschritten ist, bleibt es bei den 35 Erzählungen, die die Jury des “Mannheimer Kurzgeschichten Wettbewerbs” ausgewählt hat. Einige Geschichten habe ich im “digitalen Leseexemplar” schon am Bildschirm gelesen - und wieder vergessen. 225 Seiten am Bildschirm sind eine Tortour. Deshalb fange ich heute Nacht mit dem richtigen Buch an.