Alle Menschen dichten fast pausenlos, in Tagträumen, in ungeäußerten Wünschen, auch im Schlaf, meist ohne es zu wissen, meist ohne ihr Gedicht mitteilen zu können oder zu wollen. Das geschriebene Gedicht – nicht jedes, aber doch viele – ist ein Amalgam von Spontaneität und bewußter Kunst, manchmal Künstlichkeit (was nicht im herabmindernden Sinne gemeint [...]
Das Schreiben ist ein unerschöpfliches Thema. (Sagt der Inka und knüpft einen Knoten in die Schnur. Da kommt seine Frau des Wegs, reißt ihm den Strick aus der Hand und hängt die Wäsche daran auf. »Aber das ist ein Roman!« sagt der Inka zu seiner Frau. »Papperlapapp!« sagt seine Frau.)
[Uwe Brandner, 1968]
Letzte Nacht träumte mir in den frühen Morgenstunden von einem Barbesuch zu der gleichen Zeit. Wir saßen zu dritt am Tresen des Etablissements; M., P. und ich. Außer uns und dem Barkeeper war niemand mehr im Lokal. M. verließ den Raum durch die Tür neben der Garderobe links von der Theke. Der Barkeeper folgte [...]
Die Bettlektüre von heute …
An die Melancholie
Du geleitest mich durchs Leben,
Sinnende Melancholie!
Mag mein Stern sich strahlend heben,
Mag er sinken – weichest nie!
Führst mich oft in Felsenklüfte,
Wo der Adler einsam haust,
Tannen starren in die Lüfte
Und der Waldstrom donnernd braust.
Meiner Toten dann gedenk ich,
Wild hervor die Träne bricht,
Und an deinen Busen senk ich
Mein umnachtet Angesicht.
(Nikolaus Lenau, [...]
In der Frankfurter Rundschau vom Tage beginnt Guido Graf seinen Nachruf auf David Foster Wallace mit den Worten: »Der Unterschied zwischen Selbstmord und Mord beschränkt sich vielleicht auf die Frage, wo man die Käfigtür verortet: Würden sie jemanden umbringen, um sich aus dem Käfig zu befreien?”
Hätte Wallace auch den Schluß des Artikels samt Google-Anzeige [...]
»Lichter? (ich hob mich auf den Pedalen) -: – Nirgends. (Also wie immer seit den fünf Jahren).«
Zur Unterstützung meines Überlebenstrainings habe ich mir die passende Lektüre besorgt. Ich fahre zwar auch mit dem Fahrrad aber nicht durch die Lüneburger Heide; dennoch ist Arno Schmidts »Schwarze Spiegel« meiner Stimmungslage mehr als angepaßt. In drei Tagen [...]
War ich krank? Bin ich genesen?
Und wer ist mein Arzt gewesen?
Wie vergass ich alles Das!
Jetzt erst glaub ich dich genesen:
Denn gesund ist, wer vergass.
[Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft]
Unentdeckte Täterschaft« Turmsegler – Ist mir doch beim Stöbern ein interessantes Projekt von Benjamin Stein aufgefallen, das mir trotz sporadischem Überfliegen des Turmseglers entgangen war, obwohl es schon eine ganze Weile bei ihm läuft.
Ich werde es im Auge behalten: Die Leinwand
Die Deutschen blendet das englische Leben anfangs, es erdrückt sie, später saugt es sie auf oder, besser gesagt, wandelt sie zu schlechten Engländern. Wenn der Deutsche irgendetwas unternimmt, rasiert er sich sich gewöhnlich zunächst, legt einen Kragen um, der bis zu den Ohren reicht, sagt »yes« anstatt »ja«, und »well«, wo man überhaupt nichts [...]
Seinem Bericht über die Emigration in London stellte Alexander Herzen dieses Zitat aus dem Psalm 137 voran. Beides werde ich heute vor dem Schlafengehen noch einmal lesen. (Alexander Herzen: Die gescheiterte Revolution. Denkwürdigkeiten aus dem 19. Jahrhundert. 1977 hrsg. v. Hans Magnus Enzensberger). Heute erinnert DIE ZEIT an Alexander Herzen.