Alles hat er gewollt

Gert Jonke 2008 - Foto Wikipedia

Gert Jonke 2008 - Foto Wikipedia

Am 4. Januar ist Gert Jonke im Alter von 62 Jahren in Wien verstorben. Die heutige Ausgabe der Frankfurter Rundschau enthält einen lesenswerten Beitrag von Martin Lüdke*; »Alles hat er gewollt« überschrieben. Lüdke zitiert Jonke zum Thema Form des Erzählens mit einer Bemerkung aus dem Jahre 1970:

»Ich glaube nicht an normale Erzählungen. Ich kann nur an Erzählungen glauben, die durch andere Erzählungen unterbrochen werden. Ich glaube, jeder einzelne Satz der Erzählung muß durch einen darauf folgenden Satz einer zweiten oder dritten Erzählung unterbrochen werden. Indem ich jeden Satz der Erzählung vom folgenden Satz der Erzählung durch einen Satz einer zweiten oder dritten Erzählung trenne und erst später einsetze, erhalte ich viele Erzählungen in einer einzigen Erzählung.«

Der gebürtige Klagenfurter zweifelte nicht nur an der Sprache. Er zweifelte auch an der Wirklichkeit der Realität. [...] Soll die Erzählung nicht auf eine rein formalistische Spielerei reduziert werden, ergeben sich für einen (lesbaren) Text enorme konstruktive Schwierigkeiten, vergleichbar dem Projekt Raymond Roussels. Jonke hat sich an diesen Schwierigkeiten fast die Zähne ausgebissen. – Einen treffenderen Nachruf kann man kaum schreiben.
* [der Beitrag i.d. FR verschwindet irgendwann im kostenpflichtigen Archiv; und der Link funktioniert nicht mehr.]