Großmutter Asiye und das Gesetz der Berge (19-34)
Jan 26th, 2008 by JK
Hab ich doch tatsächlich heute Nacht davon geträumt: “Meine Großmutter ritt aufrecht in ihrem langen grüngelben Kleid am Fuße der felsigen Berge entlang dem Ufer des Euphrat, der hier noch als wilder Bach in die Ebene floß. Im Schatten der Weiden war es kühl, und meine Großmutter legte das schwere Gewehr ab. Sie setzte sich unter die Bäume, atmete tief aus und tauchte ihr verschwitztes Gesicht ins klare Wasser. Sie trank aus beiden Händen, besprühte ihren verschwitzten Nacken und Zopf und streckte sich aus auf dem kühlen Gras, es war weich, frisch und lud sie zum Ruhen ein. Ihr Blick verlor sich im strömenden Wasser, im durchsichtigen Grün, in kristallenen Linien, und sie hörte dem ruhigen Lauschen zu und verfiel in einen tiefen Schlaf.” *
Natürlich ist nicht meine Großmutter gemeint. Es geht um die Großmutter der Protagonistin und ihren einzigen Geliebten Kerim, den Kirgisen, in Yadé Karas Geschichte »Kelim«. Yadé Kara erzählt von drei Generationen starker Frauen, die vom Osten Anatoliens nach Deutschland gekommen sind.
Wo sich das anatolische Hochland, Obermesopotamien und die Berge des Schwarzen Meeres treffen, beginnt die Geschichte. Nord-nordwestlich von Tunceli fließt der Fluss Euphrat von Osten kommend vorbei. Dann führt er an Tunceli vorbei in Richtung Südwesten. Der Fluss Peri im Osten und der Berg Munzur (Koê Muziri) im Norden teilen das Land. Der Fluss Munzur hat eine Gesamtlänge von etwa 144 km und mündet in den Keban-Stausee. Das Flusswasser ist so sauber, dass es von den Einheimischen auch als Trinkwasser genutzt wird.
In der Mythologie Tuncelis ist Munzur Baba ein Hirte. Er ist der Namensgeber des heiligen Flusses Munzur, einer der Quellflüsse des Euphrats. der im Hause eines Aghas lebte. Eines Tages ging der Agha auf eine Pilgerfahrt, wo er den Wunsch verspürte, Helwa zu essen. Munzur fühlte den Wunsch des Aghas und teilte ihn der Frau des Aghas mit. Diese dachte zuerst: “Munzur möchte Helwa essen, aber er traut sich nicht, es mir zu sagen.” Schließlich kochte sie Hewla und gab Munzur davon. Als der Agha am Wallfahrtsort betete, wandte er sich zur Linken, da stand Munzur neben ihm und sagte: “Du wolltest Helwa. Bitteschön.” Er überreichte ihm die noch ofenwarme Helwa. Verwirrt wandte sich der Agha kurz zur Rechten, und als er zurückblickte verschwand Munzur so, wie er aufgetaucht war. Nach der Pilgerfahrt kehrte der Agha in sein Dorf zurück, wo ihm eine Menschenmenge entgegenkam, um ihn zu begrüßen und ihm ehrerbietig die Hand zu küssen. Der Agha jedoch sprach: “Erweist nicht mir die Ehre, sondern Munzur.” Und er erzählte, was ihm in der heiligen Stätte zugestoßen war. Sofort begaben sich die Leute auf die Suche nach Munzur, der gerade eine Ziege molk. Als er die Menschenmenge kommen sah, sprang er vor Verlegenheit auf und rannte mit dem Melkeimer in der Hand davon. Die Leute aber liefen ihm hinterher. Auf seiner Flucht wurde die Milch verschüttet, und vierzig Tropfen fielen zu Boden, aus denen vierzig Quellen entsprangen. Munzur selbst verschwand. [Quelle: Wikipedia]
Das Gebiet um den Fluss und die Gebirgskette des Munzur wurde am 21. Dezember 1971 gesetzlich als Nationalpark anerkannt. Dadurch sollten die natürliche Schönheit und der enorme Reichtum dieser Region unter Schutz gestellt werden. Eingriffe jeglicher Art, die zum Verschwinden oder zu Veränderungen der natürlichen Umgebung führen oder führen könnten sowie Arbeiten und Maßnahmen, die Umweltprobleme auslösen könnten, dürfen nicht durchgeführt werden. Im Munzur-Tal ist der Bau von insgesamt acht verschiedenen Staudämmen geplant, wovon zwei bereits fertiggestellt sind und in Kürze in Betrieb genommen werden. Tausende Menschen würden ihre Heimat und ihre gesamte Lebensgrundlage verlieren. Sie wären dazu gezwungen, von den eher ländlichen Regionen in Dersim, in denen sie zum großen Teil von der Landwirtschaft leben, in die nahe gelegenen Städte umzusiedeln, die schon jetzt ihre Bevölkerung kaum ausreichend versorgen können und wo es schon jetzt nicht genug Arbeit gibt. [Quelle: Gesellschaft für bedrohte Völker]
Einzelheiten der Geschichte von Yadé Kara verkneife ich mir. Sie ist voller Kraft und Poesie, ich empfehle: selber lesen!!!
* Yadé Kara: Kelim S. 23-34 in:
»grenzen.überschreiten. ein europa-lesebuch. 35 Kurzgeschichten über Migration und Europa. Herausgegeben von der Stadt Mannheim und Klaus Servene, sowie von Sudabeh Mohafez und Dimitré Dinev. andiamo-Verlag, ISBN 978-3-936625-11-0, kartoniert, 225 Seiten
