Berliner Philharmoniker und Orchester des Mannheimer Nationaltheaters 26. April 1933
Mai 2nd, 2007 by JK
Im Jahr des 400. Stadtjubiläums feiern sich die Mannheimer selbst, ihre Weltoffenheit und Toleranz, ihre Kultur und auch den 50. Geburtstag des Neubaus ihres Nationaltheaters.
Die Berliner Philharmoniker feiern ihr 125jähriges Jubiläum offiziell erst im November gegründet wurden sie am 1. Mai1882. Das Orchester probte die Revolution - und siegte. Jahrelang hatten die schlecht bezahlten Musiker unter der Fuchtel des Berliner Dirigenten und Impresarios Benjamin Bilse gelitten. Nun weigerten sie sich, zum Gastkonzert in Warschau in der vierten Bahnklasse zu fahren und erklärten sich kurzerhand für selbstständig.
Bei ihrem traditionellen Europa-Konzert wollten sie am 1. Mai an ihre Gründung erinnern. Nicht in der ehrwürdigen Berliner Philharmonie, sondern in einer alten Fabrik, im Kabelwerk Oberspree, einem Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert, wo in der NS-Zeit tausende Zwangsarbeiter beschäftigt waren, spielten sie Werke von Wagner und Brahms.
Anlass genug, an ein gemeinsames Konzert der Berliner Philharmoniker und des Orchesters des Mannheimer Nationaltheaters am 26. April 1933 im Mannheimer Rosengarten zu erinnern:
In der Ausgabe vom 30. März 1933 forderte die Parteizeitung “Hakenkreuzbanner”: Schluss mit der Juderei in Mannheim; vor allem im Kunstleben der Stadt. Mannheim war propagandistisch bearbeitet durch den NSDAP Kreisleiter und Führer der Ortsgruppe des KfdK (Kampfbund für deutsche Kultur) Dr. Ing. Reinhold Roth zu einer Hochburg des Antisemitismus geworden. Die jüdischen Berliner Konzertmeister sollten von der Bildfläche verschwinden. Der Orchestervorstand des in Mannheim beheimateten National-Theater-Orchesters, der Posaunist August Sander, hatte Wilhelm Furtwängler in einem Brief gebeten, die Orchestervorstände mit örtlichen Musikern zu besetzen. Furtwängler lehnte dieses Ansinnen strikt ab. Mit Schreiben vom 6. April teilte er den Mannheimern mit, wenn die Anwesenheit einiger jüdischer Künstler in seinem Orchester in Mannheim Bedenken erwecke, müsse das gemeinsame Konzert unterbleiben. Das Mannheimer Konzert sollte im Rahmen der großen Frühjahrstournee des Orchesters stattfinden, das die Philharmoniker durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz führen sollte.
Am Tage des Konzerts wandte sich während der Probe Orchestervorstand Sander auf Druck des KfdK und der NSDAP-Betriebszelle noch einmal an Furtwängler mit der Bitte, wenigstens nach der Pause Mannheimer Streicher vorne spielen zu lassen. Furtwängler lehnte erneut ab.
Das Konzert verlief dann ohne Zwischenfälle. Gleich danach sprach ihn der Mannheimer Konzertmeister Max Kergl an; in der Frage der Sitzordnung herrsche so ernste Verstimmung, dass anschließend eine Versammlung des Kampfbundes stattfinde, und deswegen könne er nicht an dem vorgesehenen Beisammensein der Musiker teilnehmen. Er war nicht der einzige, der fehlte. Die Leser der Morgenpresse erfuhren:
Leider musste infolge der Strapazen seiner Konzerttournee Herr Dr. Furtwängler von einer Teilnahme an dem Abend absehen. (Eine Stunde bei den Philharmonikern - Neue Mannheimer Zeitung 27. April 1933)
Der Dirigent verbrachte den Abend im Hause von Anna Geissmar, der Mutter seiner Sekretärin, ganz demonstrativ. Währenddessen verbrüderten sich die Musiker im Rosengarten bei musikalischen Späßen und launigen Sketchs. Ehrengäste waren zwei Herren vom Kuratorium des Nationaltheaters, der erste Bürgermeister und der Beigeordnete August Zoeppfle, der Kulturdezernent der Stadt.
Es handelte sich um keinen pompösen Empfang, sondern um einen einfachen Kameradschaftsabend. Zwar bedauerte man die Abwesenheit des Chefs, verschmerzte sie aber in den Lachsalven der vorgerückten Stunde. Zur bleibenden Erinnerung erhielten die Berliner ein schönes Foto von der Probe überreicht. – Simon Goldberg unübersehbar in der Mitte vorn. Die Mannheimer Parteizeitung vom 29. April enthielt einen enthusiasmierten Bericht ihres Musikkritikers Hermann Eckert über das Gemeinschaftskonzert am Mittwochabend. Doch war ein redaktioneller Kommentar nachgesetzt:
„Bei dieser Gelegenheit können wir nicht unterlassen, auf eine sehr betrübliche Angelegenheit hinzuweisen. Der bekannte Briefwechsel zwischen Dr. Goebbels und Dr. Furtwängler hat uns ja schon die laxe Einstellung Furtwänglers in der Judenfrage bewiesen. Was wir aber jetzt bei der jetzigen Gelegenheit beobachten konnten, schlägt denn doch dem Fass den Boden aus! Man denke: An allen ersten Pulten bei den Streichern sitzen ausnahmslos Juden. Und das wagt man uns nach dem 5. März hier in Mannheim noch zu bieten! Wir werden Mittel und Wege finden, durchzusetzen, dass Fremdkörper aus einem vom deutschen Staate subventionierten Orchester radikal ausgeschieden werden. Wir werden auf keine Fall dulden, dass man uns in Zukunft nochmals ein Orchester mit einigen Dutzend Juden vorzusetzen wagt. Herr Furtwängler möge sich das für die Zukunft merken.“ (Hakenkreuzbanner 29.April 1933).
Furtwängler tobte vor Wut und schrieb an Goebbels, er werde mit dem Mannheimer Nationaltheater-Orchester nicht mehr auftreten , solange bei ihnen eine solche Gesinnung herrscht.
Zusammengefasst aus: Kraftprobe - Wilhelm Furtwängler im Dritten Reich; Wiesbaden F.A. Brockhaus, 1986. ISBN: 3765303704 (S. 89 – 92)
